Hornemann Kolleg 1: Aus der Region

15. Oktober 2012 | Restaurieren heißt auch forschen.

Zur Restaurierung des Godehard-Schreins des Hildesheimer Doms

Vortragende: Prof. Dr. Michael Brandt, Dr. Dorothee Kemper und Uwe Schuchardt

Der Schrein des hl. Godehard aus dem Hildesheimer Dom ist eines der Hauptwerke mittelalterlicher Goldschmiedekunst in Europa. Entstanden Mitte 12. Jahrhundert
wurde der hölzerne Kern mit vergoldetem Silber und Kupfer, Edelsteinen, Perlen und Gemmen kostbar beschlagen. Der Schrein birgt die Reliquien des ersten heiliggesprochenen Hildesheimer Bischofs Godehard (1022-38), die man dazu in kostbare mittelalterliche Seidenstoffe hüllte.

 

Der Schrein wird nach vielen Voruntersuchungen derzeit aufwändig restauriert, da im Laufe der Jahrhunderte an den Beschlägen und am Holzkern gravierende Schäden entstanden waren. Für die Maßnahme mussten auch sämtliche Metallbeschläge vom Holzkern abgenommen werden.

Die Restaurierung wird aber auch dazu genutzt, das historisch und künstlerisch hoch bedeutende Werk erstmals im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts unter zahlreichen Aspekten zu untersuchen. Neben der Klärung der Schadensursachen und Behandlungsmethoden stehen dabei Fragen nach der mittelalterlichen Werkstatt, der Geschichte und ursprünglichen Gestalt des Objekts sowie nach der Herkunft und Verarbeitung der Materialien im Vordergrund. Am Forschungsprojekt beteiligen sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen aus Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Amerika und Italien: Restauratoren für Metall, Holz, Textilien und Papier (HAWK), Kunsthistoriker, Historiker, Archivare, Chemiker, Anthropologen, Archäologen, Röntgenspezialisten und sogar Fachleute aus der kriminalistischen Spurensuche.

Der Vortrag bietet einen spannenden Einblick in das noch unpublizierte Restaurierungs- und Forschungsprojekt.

12. November 2012 | Eine Sensation: Der Goldhort von Gessel:

117 bronzezeitliche Teile aus reinem Gold

Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege erläutert im Hornemann Kolleg erstmalig in der Region den Sensationsfund von 2011

Vortragender: Dr. Stefan Winghart (Präsident des Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege)

Bei archäologischen Untersuchungen vor dem Bau einer Pipeline wurde der Goldhort am 7. April 2011 nahe des Syker Ortsteils Gessel im Niedersächsischen Landkreis Diepholz entdeckt. Der Fund gehört zu den größten prähistorischen Hortfunden von Gold in Mitteleuropa und wird auf ein Alter von 3300 Jahren geschätzt: in eine Zeit, in der in Ägypten Königin Nofrete regierte. Als sicher gilt, dass der Fund seit seiner Vergrabung nahezu ungestört geblieben ist.

 

 
Neben diesem Fund haben die Archäologen Hunderte von Artefakten aus einer Zeitspanne von 12000 Jahren entdeckt.

Wie es dazu gekommen ist und wie diese Schätze nun restauriert werden und was mit ihnen geschieht, erläutert erstmals in der Region am 12. November 2012 im Rahmen des neuen Hornemann Kollegs der Präsident des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege, Dr. Stefan Winghart. Denn das Landesamt koordinierte dieses gewaltige Archäologieprojekt, mit bis zu 13 Grabungsteams und zeitweise über 100 Mitarbeitern eines der größten in Europa, und ist auch für die laufende Restaurierung verantwortlich. Denn als sich ein Einzelfund konkretisierte, wurde der Fund mittels Blockbergung als 90 × 65 cm großer Erdblock aus dem Boden gestanzt und der Block noch am Abend des Fundtages in die Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover gebracht.

Am Erdblock erfolgten unmittelbar nach seiner Sicherung Untersuchungen mit mehreren bildgebenden Verfahren, wie Röntgenuntersuchung und Computertomographie (CT), um Einblick in den Inhalt zu erlangen. Aus den computertomographisch gewonnenen Daten von den Teilen im Inneren des Erdblocks wurde mittels computergestützter 3D-Visualisierung ein virtuelles Bild entworfen. Mit dessen Daten ließ das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege eine Nachbildung der Goldteile in Kunststoff per 3D-Drucker erstellen.

Der gesamte Prozess der Untersuchung des Erdblocks bis zur Freilegung der einzelnen Fundstücke dauerte mehrere Monate an. Zwei Stücke mit Goldspiralen im Erdreich wurden im Hinblick auf zukünftige, neue Untersuchungsmethoden nicht komplett freigelegt.

Bei den Fundstücken aus Gold handelt es sich überwiegend um Spiralen verschiedener Arten und Größen. Außerdem gehören zum Fund ein Wendelring, ein offener Armring und eine zusammengebogene Fibel. Bei den Goldteilen handelte es sich teilweise um Halbfertigprodukte. Bis heute sind noch nicht alle Fundstücke des Goldhortes von Gessel untersucht worden. Viele Nachbardisziplinen sind dabei involviert. Die Untersuchungsziele sind:

  • Fundechtheit
  • Oberflächenbeschichtung
  • Materialzusammensetzung
  • Herstellungstechnik
  • Materialherkunft

Dabei werden Methoden der Lichtmikroskopie, Rasterelektronenmikroskopie, Röntgenfluoreszenzanalyse und Massenspektrometrie mittels Laserablation angewandt.

Als sicher gilt, dass der Goldhort von Gessel ein geschlossener Fund ist, der seit seiner Ablage in der Bronzezeit bis auf geringfügige Tierperturbationen ungestört geblieben ist. Der Archäologe Dr. Stefan Winghart teilte mit, dass die eng gepackten Goldteile in einem Beutel aus organischem Material (Tuch, Leder) gezielt in einer kleinen Grube unter der Erdoberfläche vergraben wurden.  Bei den archäologischen Untersuchungen im April 2011 wurden sie 60 cm unter der heutigen Erdoberfläche gefunden.
Der Öffentlichkeit wurde der Grabungsfund bislang erst zweimal in Hannover und mehrmals in Syke vorgestellt. „Wir sind total glücklich, dass Herr Winghart uns diesen topaktuellen Vortrag über diesen Sensationsfund fürs Kolleg angeboten hat“, so Dr. Angela Weyer, die Leiterin des Hornemann Instituts.

Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege

3. Dezember 2012 | Bestandsschonende Digitalisierung

Ein Widerspruch? Zur Praxis der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Vortragende: Almuth Corbach, Leiterin der Stabsstelle Erhaltung und Restaurierung, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Die Anwendung unterschiedlichster Reproduktionsverfahren für Altbestände zieht in vielen Bibliotheken, Archiven und Museen häufig völlig unbemerkt fatale „Nebenwirkungen“ nach sich: Durch allzu weites Öffnen gebrochene Einbandmaterialien und Gelenke bis hin zu abgetrennten Deckeln oder gar im Rücken gänzlich zerteilten Buchblöcken sind nicht selten. So entsteht die paradoxe Situation, dass eine bestandserhaltende Maßnahme wie die Erstellung von Sekundärformen zur Schonung der Originale sich letztlich als bestandszerstörend erweist.

 

Die Analyse solcher Schäden hat dazu geführt, dass Aspekte der Bestandserhaltung im Zusammenhang mit der Digitalisierung von alten Drucken und Handschriften heute eine immer bedeutendere Rolle spielen. Dies gilt für die so genannten „Boutique Digitalisierungen“ ebenso wie für drittmittelgeförderte Massendigitalisierungsprojekte. Das Spektrum der Möglichkeiten zur Realisierung von Bestandsschutz bei der Digitalisierung ist vielfältig. Es beginnt bei der Projektplanung und reicht über die Auswahl geeigneter Systeme (Scanner, Kamera, Beleuchtung, Buchauflage), einer konservatorischen Beurteilung der Originale bis hin zur Schulung und Sensibilisierung aller beteiligten Bearbeiter/innen in einer sachgerechten Handhabung während des gesamten Workflows. Dies soll am Beispiel der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel illustriert werden, die auf dem Gebiet der forschungsorientierten und bestandsschonenden Digitalisierung von Quellen zu den führenden Institutionen in Deutschland gehört.

14. Januar 2013 | ".. und wohin mit den Forschungsdaten?"

Jeder kennt das: der eigene PC wird immer voller und so manche Daten gingen auch schon verloren.

Vortragende: Dr. Irina Sens, stellv. Leiterin der Technischen Informationsbibliothek Hannover

... und die Datenflut nimmt extrem stark zu, wenn man auch noch naturwissenschaftliche Daten speichert. Aber gerade die werden, gerade im Ausbau der präventiven Konservierung, immer wichtiger: Feuchte-, Temperatur-, Schadstoff- oder Staubmessungen ..  und vieles anderes. Und das Ganze wird für jede/n Wissenschaftler/in noch komplizierter, wenn man diese Daten zur wissenschaftlicher Beweisführung benötigt, also letztlich öffentlich machen muss.

 

Aus diesem Grund bauen Drittmittelgeber, wie z.B. die DFG, gerade diesen Bereich immer stärker aus.

Die Technische Informationsbibliothek in Hannover gehört zu den bundesweit besonders aktiven Akteuren in diesem Bereich der Speicherung und Zugänglichmachung von Forschungsdaten und ist in den letzten Jahren ein wichtiger Partner des Hornemann Instituts geworden.

Dr. Irina Sens, Naturwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin der TIB, wird uns in die Welt der Forschungsdaten aus Sicht einer Bibliothek führen.

Die Begrüßung übernimmt Prof. apl. Prof. Dr. Wolfgang Viöl, Vizepräsident für Forschung und Transfer.